Die Auferstehung in der Hebräischen Bibel

Übersicht

1. Leben und Tod. Ähnlich wie Jesus vierzig Tage lang vor seinem öffentlichen Wirken in der Wüste war, hat er ebenso vierzig Tage lang "nach seinem Leiden durch viele Beweise gezeigt, dass er lebt" (Apg 1,3). Die Auferstehung ist der Sieg des Lebens über den Tod. Diesen Sieg bereitet das Wort Gottes – die Heilige Schrift – lange vor. Der Wunsch nach Leben ist in der Heiligen Schrift seit dem Moment zu finden, als der Mensch von Gott den Odem bzw. Atem des Lebens geschenkt bekam, seit er zu einer "lebendigen Seele" geworden ist (Gen 2,7). Gott, der einmal das Leben gibt, kann es auch erneuern.

Das Problem des Todes ist bereits bei der ersten Sünde vorhanden. Der schlaue Verführer verdreht die göttliche Warnung, die das Leben schützen soll, und macht eine Lüge daraus. Der göttlichen Bemerkung "Wenn du von diesem Baum isst, wirst du ganz sicher sterben" (Gen 2,17) stellt die Schlange eine falsche Behauptung: "Nein, ihr werdet sicher nicht sterben" (3,4) entgegen, als sie Eva überreden will, die Früchte vom Baum der Unterscheidung von Gut und Böse zu essen. Diese extravagante Vorstellung, nicht zu sterben, begleitet den Menschen durch Jahrhunderte in den Religionen und autonomen Suchen nach dem Lebenssinn, und sie trifft den Kern der Auferstehungsfrage.

Der Tod findet sich also schon auf den ersten Seiten der Heiligen Schrift ebenso wie das göttliche Geschenk des Lebens. Sie sind von Anfang an mit dem Menschen verbunden. Und über diese beiden Pole, über den Tod und über das Leben, reden wir, wenn wir über die Auferstehung reden.

2. Himmelfahrt. Es gibt einige Personen der Schrift, die eine besondere Vorhersage und ein Bild für die Auferstehung sind – vor allem Henoch, der Urgroßvater des gerechten Noachs, und Elija, der berühmte Prophet. Sowohl vom einen als auch vom anderen gibt es in der Bibel keinen Bericht über ihren Tod, es wird nur erwähnt, dass sie von dieser Welt buchstäblich "genommen" sind. Das Kapitel über Henoch (Gen 5) zählt der Reihe nach auf wie seine Vorfahren und seine Nachkommen gestorben sind – achtmal steht dort: "dann starb er" – nur für Henoch nicht. Henoch, der seinen Weg mit Gott gegangen ist (v22.24), erfährt, wie dieser Lebenswandel durch das göttliche fortwährende und dauerhafte Leben gekennzeichnet ist. "Gott hat ihn aufgenommen" – lesen wir im Buch Genesis (5,24).

Elija, der in den Höhen des Heiligen Berges bereits dem wahren Gesicht Gottes begegnet ist, wird vor den Augen seines treuen Begleiters Elischa (2 Kön 2) in den Himmel aufgenommen. Auch die Prophetenschüler haben schon in verschiedenen Städten Israels erwartet und gewusst, dass der Herr Elija "nehmen" wird. Diese eine Art Himmelfahrt ist ein klares Zeichen des von Gott geschenkten Lebens, eines Lebens, das die Kraft des menschlichen Todes übertrifft. Es ist eine Erfüllung unserer Sehnsucht nach der ganzheitlichen Gemeinschaft mit Gott. Laqach "nehmen" – das ist das biblische Wort, das die wohlwollende Macht Gottes über die Zukunft unseres Lebens bezeichnet und unsere Hoffnung bestärkt.

3. Auferweckung. Bei Elija und auch bei Elischa, seinem Nachfolger, gibt es noch zwei wichtige Bilder der Auferstehung. Sowohl Elija, dem Meister, als auch dem Jünger Elischa, gelingt es durch die Kraft Gottes verstorbene junge Männer ins Leben zu rufen. Der Sohn der gastfreundlichen Witwe, die großherzig Elija zu essen gegeben hat, wird plötzlich krank und stirbt. Aber auf das Gebet Elijas hin gibt ihm Gott das Leben zurück. Mit noch mehr persönlichem Einsatz Elischas wird der Sohn seiner Wohltäterin, der angesehenen Frau aus Schunem, wieder lebendig.

Was sich in Christus verwirklichen wird, das ist bereits angedeutet. Das einmal abgebrochene menschliche Leben kehrt durch das Wunder Gottes zurück. Aber bei diesen jungen Menschen ist dies nur die Rückkehr zur irdischen Vergänglichkeit, die zwar wichtig und kostbar, aber doch zerbrechlich ist.

4. Über das Grab hinaus. Für das Begreifen der Auferstehung in der Heiligen Schrift ist der Blick auf das Ende des Lebens von Elischa besonders wertvoll. Der Prophet, schon ein reifer alter Mann, erreicht das Ende seiner Tage und stirbt. Aber, als er bereits im Grab liegt, bringt er Leben. Ein verstorbener Mann, der in der Nähe begraben werden sollte, kommt unerwartet in Berührung mit dem Leichnam des Propheten und wird dadurch wieder lebendig (2 Kön 13,21). Der Prophet wirkt auch als Verstorbener weiter. Genauer gesagt, auch über seinen menschlichen Tod hinaus verfügt der göttliche Geist über seinen Diener und heilende Kraft geht von ihm aus. Im Fall Jesu wird das ganz offensichtlich werden.

5. Auferstehung der Gemeinschaft. Vom großen Propheten Ezechiel können wir bekanntlich auch etwas über die Auferstehung erfahren. Seine Vision ist berühmt. Er sieht ein ganzes Heer vor sich. In der Kraft des göttlichen Geistes werden aus den toten Gebeinen lebende Menschen (Ez 37). Sehr plastisch schildert der Prophet wie die ausgetrockneten Knochen stufenweise Gewebe bekommen: Sehnen, Muskeln und Haut (v6.8). Und auf die neue, einzigartige Prophezeiung Ezechiels, empfangen sie auch den Lebensatem (v9).
 
6. Ewiges Leben. Einen wertvollen Hinweis zur Auferstehung liefern uns die Psalmen. Einerseits fordern sie die Bereitschaft, die Tora Gottes nicht nur für die begrenzte Zeit des irdischen Lebens zu halten, sondern "auf immer und ewig" ("Ich will deiner Weisung beständig folgen, auf immer und ewig." Ps 119,44). Andererseits blickt David am Beginn vom Psalm 145 wiederholt auf eine fortwährende Perspektive seines Gott lobenden Gesanges. Er spricht zu seinem Herrn, dessen Namen er immer und ewig preisen will (Ps 145,1s 2x). Sowohl gehorsame Hingabe zum Gesetz, die Hochachtung gegenüber dem offenbarten Wort Gottes, als auch die Antwort darauf mit freudigem Singen beruhen auf einer klaren Ahnung von der eigenen unbegrenzten Zukunft mit Gott.

7. Gott, der die Toten auferweckt. Der Hymnus der Prophetenmutter Hanna, der Mutter Samuels, empfiehlt uns besondere Zurückhaltung gegenüber der verbreiteten Meinung, im AT gäbe es erst spät die Auferstehungserwartungen. Eine Frau, die aus eigener Bedrückung durch das Gebet und durch die Offenheit dem Priester gegenüber zu einer Theologin geworden ist, erweist in ihrem Lobgesang einen weiten Blick für das Schicksal ihrer ganzen Nation. Ihr Interesse ist nicht mehr nur die eigene Bedrängnis, sondern das heilvolle Handeln Gottes. In ihrem Hymnus gibt sie ein wichtiges Zeugnis von Gottes Kraft. Dass sie Gottes Allmacht anerkennt, verstehen wir sofort. Dass sie durchaus das Leben und den Tod des Menschen in seiner Verfügung sieht, ist nicht verwunderlich. Hätte sie gesagt: Gott gibt uns das Leben und danach den Tod – Wir leben und dann werden wir begraben, – entspräche dies unserer Erwartung. Aber, nachdem Hanna eben ihr Gelübde erfüllt und den Sohn dem Dienst an Gott geweiht hat, redet sie zunächst davon, dass Gott tot, und danach, dass er lebendig macht, dass er zuerst in das Totenreich hinabführt und dann wieder herauf. "Jahwe macht tot und er macht lebendig, er führt in den Scheol hinab und wieder herauf" (1 Sam 2,6). In dieser Reihenfolge ist dies genau das, was wir von Jesus kennen.

8. Der Baum des Lebens. Wie wir gesehen haben, werden am Anfang der Schrift sowohl das Problem des Sterbens als auch das göttliche Geschenk des Lebens erwähnt. Dabei hat der im Hintergrund stehende Baum des Lebens eine große Bedeutung. Dieser Baum ist ein Bild der Sehnsucht nach dem ewigen Leben, die von Beginn an gegenwärtig ist (Gen 3,22). Der Baum des Lebens befindet sich ebenso wie der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse in der Mitte des paradiesischen Gartens (Gen 2,9), und in Folge der Sünde wird der Zutritt zu ihm versperrt. Die Cherubine und ein Lichtschwert stehen Wache. Das AT bringt jedoch eine Lösung. Im Buch der Sprüche kehrt dasselbe Motiv wieder: der Baum des Lebens. Hier wird auch eine Definition angeboten: Der Baum des Lebens ist die Weisheit: "Ein Baum des Lebens ist sie für die, die sie ergreifen" so der heilige Text (Spr 3,18). Das Buch der Sprüche bildet für dieses Motiv – zusammen mit der Vision Ezechiels vom Garten im neuen Tempel (Ez 47,12) – einen Übergang zur vollen Entfaltung im Buch der Offenbarung am Ende der Bibel, wo es Blüte und Größe erlangt. In der Schilderung des neuen Jerusalems findet sich auch der Baum des Lebens, der monatlich Früchte trägt (Offb 22,2). Am Anfang war der Zutritt versperrt, am Ende steht nicht nur die Frucht zur Verfügung, sondern sogar die Blätter von diesem Baum wirken heilend. Der Zugang ist jetzt frei, nicht nur für die Erwählten, sondern auch für die Nationen.

9. Daniel. Am Ende der hebräischen Bibel taucht das Thema Auferstehung wieder auf. Die große Offenbarung, die Daniel mitgeteilt wird, endet mit der Ankündigung, dass "viele von denen, die im Land des Staubes schlafen, aufwachen werden" (Dn 12,2). Eine klare Differenz wird angedeutet: die einen wachen zu ewigem Leben auf und die anderen zu ewiger Schande. Für die, die weise waren, die das Wort des Herrn sich selbst angeeignet und andere unterwiesen haben, wird dies himmlischer Glanz sein (12,3). Sie selbst werden mit den Sternen am Himmel verglichen.

Die Auferstehung wird also ziemlich genau mit dem Aufwachen aus dem Schlaf verglichen. Es ist ein uns bekannter Vorgang bei dem man die Augen öffnet, von neuem versteht, wo man sich befindet und man steht zum Leben auf. Bei Daniel wird dabei dreimal das Andauern, die Kontinuität hervorgehoben (3x ´ôlam 12,2s).

Daniels Prophezeiung hat eine persönliche Note und Bedeutung, denn er selber erhält am Ende den Auftrag: "Geh hin!" (Dan 12,9.13). Dies bedeutet in der Sprache der Bibel zunächst: "Lebe! Sei lebendig!". Es ist aber ausdrücklich vom Ende die Rede, von einem besonderen Ende: Daniel soll ruhen und danach wieder aufstehen, wörtlich "sich auf die Beine stellen" (v13). Das ist bereits ein unmittelbares Bild der Auferstehung, das sich in Jesus verwirklichen wird. In der deutschen Übersetzung des Daniel-Buches wird es einfach als "auferstehen" wiedergegeben.

16. Februar 2010.

P. Niko Bilić, SJ