Esra, der Priester und Schriftgelehrte

Esra ist in der Bibel mit dem Neubeginn des systematischen Glaubenslebens verbunden (vgl. Neh 8). Beim Laubhüttenfest liest er mehrere Tage das Gesetz Gottes und deutet es der ganzen Gemeinschaft, die ihre Freiheit wieder gewonnen hat. Esra löst auf diese Weise eine große Umkehr und Rückkehr zum jahrhunderte alten Glauben der Vorfahren aus. Er erneuert die Treue zu den Vorschriften, die seit der Ankunft im Verheißenen Land vernachlässigt wurden (Neh 8,17). Die Gemeinschaft in Jerusalem (Neh 8,10.12) ist eine Erfüllung für das Gebot der großen Freude für Eltern und Kinder, für Herren und Knechte, Einheimische und Fremde (Dtn 12,7.12.18).

Esra, der Priester, ist ein Vorbild für die Fastenzeit mit seiner Deutung des Fastens, das er vor der großen Heimkehr ausgerufen hat. Das Ziel des Fastens ist die Demut vor Gott und das Gebet der ganzen Gemeinschaft um den göttlichen Schutz auf dem Weg (Esr 8,21). Esra selbst wird sich noch einmal nach der Ankunft in Jerusalem ein strenges Fasten auferlegen, als er von der Untreue im Volk erfährt (10,6).

In unserem gestressten Lebenstempo wirkt besonders Esras geistliche Führung einladend. Am Anfang und ebenso am Ende der fünfmonatigen Reise von Babylonien nach Jerusalem gibt es eine dreitägige Unterbrechung zum Aufatmen – mit Exerzitien vergleichbar.

In den biblischen Kapiteln über Esra (Esr 7–10; Neh 8) hat man am liebsten die autobiografischen Berichte. Esra gibt Einblick in seine Seele und bestätigt, dass er wirklich ein „Schreiber“ heiliger Texte ist (Esr 7,12.21). In der Reihe der biblischen Priester bringt er einen neuen Zug ein: Sein Wirken beruht nicht auf dem kultischen Dienst, sondern der Pflege und Kenntnis der Tora. Er ist ein Schriftgelehrter. Auch am königlichen Hof wird er als ein hervorragender Kenner der Heiligen Schrift geschätzt („das Gesetz Gottes ist in seiner Hand“ Esr 7,14). Ihm kommt sogar die Autorität als Schreiber dieses Gesetzes zu (7,12.21). Er verfügt über die Weisheit Gottes – so stellt der König in seinem bevollmächtigenden Brief fest (7,25) und erkennt, dass das göttliche Gesetz auch das Gesetz des Herrschers ist (7,26).

Esra ist ein vorbildlicher Priester, er versteht es die Gemeinschaft zusammenzuführen. Er sammelt mehr als 7000 Rückkehrer zählt man die im biblischen Bericht erwähnten Familien dazu (7,28; 8,15; „unsere Kinder“ 8,21). Er kann anderen Aufgaben anvertrauen. Unter seinen Priester-Kollegen setzt er 12 ein, denen die Sorge um die Gaben für den Tempel aufgetragen wird (8,24). Im wichtigsten Moment – mit dem heiligen Buch der göttlichen Unterweisung vor dem ganzen Volk – ist er kein selbstliebender Individualist, sondern er stellt sich in die Reihe der anderen: Er ist einer unter den 14 (Neh 8,4). Die große Einmütigkeit um Esra beschreibt die Bibel mit dem alten Bild: Die Menschen waren „wie ein Mann“ (Neh 8,1).

Ein Spiegel der priesterlichen Spiritualität Esras ist sein großes Gebet (Esr 9,6-15). Nach einer langen Vorbereitung in Zurückgezogenheit und Demütigung (9,4) betet er auf den Knien mit ausgebreiteten Händen (9,5),  er betet an (10,1). Von der Stärke seiner Gefühle zeugt nicht nur seine Scham, von der er spricht (9,6), sondern auch die Tränen, die sein Flehen begleiten (10,1). „Sollen wir deine Gebote aufheben?“ (9,14) – fragt der zutiefst betroffene Priester, der die Gerechtigkeit Gottes kennt und weiß, dass die Gemeinschaft so keinen Bestand hat (9,15).

10. April 2010

 

P. Niko Bilić SJ
Redaktion: mr. sc. Teresa Pietsch