Ezechiel, der priesterliche Prophet

Ezechiel ist durch die Vision des mit Gebeinen erfüllten Tales berühmt, die in der Kraft des Geistes zu einem Heer lebendiger Menschen werden (Ez 37). Noch lieber hat man die Prophezeiung über das harte Herz aus Stein, das Gott durch ein mit Wärme und Liebe erfülltes Herz ersetzen wird (Ez 36).

Zu Beginn des Buches ist Ezechiel klar als Priester vorgestellt (1,3) und gegen Ende, in der Beschreibung des neuen Tempels, wird er selber erklären, dass das Wesentliche am Priestertum Gott zu nahen ist. Der Priester darf vor den Herrn hintreten (40,46; 43,19; 44,3.15; 45,4).

Der Priester Ezechiel steht für eine neue Epoche. Er hat keinen Tempel und keinen Tempeldienst. Die heilige Stadt ist zerstört, das Haus Gottes niedergebrannt und ausgeplündert. Der ausdrückliche Befehl Gottes, zu den Weggeführten zu gehen (3,11) und der zweifache Bericht, dass der Geist Gottes ihn dorthin gebracht hat (3,11; 11,24), lassen erahnen, dass er nachträglich und durch die Sendung Gottes hingekommen ist. Aus pastoralen Beweggründen schließt sich der Priester seinem Volk an.

Den Tempel gibt es nicht. Ezechiel betont sehr den heiligen, gottgeweihten Tag der Ruhe. Davon spricht er so oft, wie dies nur in der Tora zu finden ist.

In den Worten Gottes hört Ezechiel, dass er ein „Menschensohn“ ist – er gehört der sterblichen Schöpfung an, die von der Herrlichkeit Gottes entfernt ist, in die er wiederum einen umfangreichen und intensiven Einblick bekommen hat. Das kontemplative Element ist bei Ezechiel hervorgehoben. Im ersten, im zehnten und schließlich in den letzten Kapiteln des Buches, neben vielen Prophezeiungen und Reden, findet sich ein spiritueller Mensch, der ganz in die Kontemplation versunken ist. Der Priester betrachtet ruhig, demütig, was Gott ihm zeigen will. Das Geheimnis Gottes selbst darf er sehen. Auf diese erste, grundlegende Vision (c1) wird er mehrfach zurückgreifen. „Den Herrn erkennen“ ist der Anlass aller Aktion Gottes in diesem Buch und zugleich die hauptsächliche Sorge des Priesters.

Der Priester Ezechiel muss eine schwierige Botschaft seinen Zuhörern übermitteln. Dem erwählten Volk muss er die Beurteilung Gottes verkünden, das sie „aufrührerische, widerspenstige Nationen (gojim)“ sind (2,3). Ohne Diplomatie erklärt Ezechiel, dass sie selbst für ihren Untergang verantwortlich sind, weil sie falsche Götter angebetet haben.

Gegenüber einer solchen Gemeinschaft ist Ezechiel ein lebender Kontrast. Sie wollen nicht hören (3,7), er aber soll sich die Worte des Herrn zu Herzen nehmen (3,10). Er lässt sich belehren.

Als Priester ist Ezechiel vor allem ein Prophet des Geistes. Sechsmal erlebt er, dass der Geist Gottes ihn trägt (3,12.14; 8,3; 11,1.24; 43,5). Dreimal wiederholt er die Frohbotschaft, dass Gott das Volk mit seinem Geist erfüllen wird (36,27; 37,14; 39,29). Unter allen Propheten ragt der Priester Ezechiel heraus, dadurch dass er dem Geist selbst prophezeien soll (37,9).

Ezechiel, der Priester, ist für das Leben verantwortlich. Er ist zum Wächter über das Volk Gottes bestellt. Er soll vor dem ankommenden Gericht Gottes warnen (3,17; 33,7). Sein Anteil ist Gott selbst und seine Aufgabe ist die Unterscheidung der Geister: Er soll sie unterweisen, was heilig und rein ist (44,23).

Vor seinem Gott beugt sich Ezechiel in Demut mit dem Gesicht zur Erde (1,28; 3,23; 11,3; 43,3; 44,4). Für ihn wird im Buch der Fachterminus „anbeten“ nicht verwendet, der zugleich bloße Formalität meinen kann und im Buch Ezechiel die Götzenverehrung bezeichnet.

Die Schule, die Ezechiel durchmachen muss, ist schwer. Er wird mit Stricken gebunden (3,25; 4,8), er bleibt stumm bis zur Nachricht über den Fall Jerusalems.

Ein Trost ist es, dass in seinem Buch der Priester Ezechiel fünfmal als Beter vor Gott zu finden ist und er sich an ihn wendet (4,14; 9,8; 11,13; 21,5; 37,3). Noch schöner ist es, dass jedes seiner Gebete eine Antwort bekommt.

Zur Reflexion:
1. Wieviel Einblick in seine Herrlichkeit hat Gott Dir gegeben?
Was davon durftest Du „kontemplieren“ und erspüren?
2. Welche Erfahrung des Geistes hast Du?
Wie stehst Du zur Spannung von Institution und Charisma?
3. Worin bist Du gebunden und stumm?

09.04.2010.

P. Niko Bilić SJ
Lektor: mr.sc. Teresa Pietsch